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 Goethe reist durch Franken (Ein Erlebnisbericht)

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BeitragThema: Goethe reist durch Franken (Ein Erlebnisbericht)   Di Jan 06, 2009 3:17 pm

Auszug aus "Goethe reist durch Franken", geschildert und gezeichnet von Georg Hetzelein in 'Fränkische Postgeschichtsblätter' (sowie selbst) - u. a. aus dem Vereinsarchiv 1982



Es war Ende 1797, als der "Herzoglich Sachsen-Weimar-Eisenachische Geheime Rat" auf der Heimfahrt nach Weimar von einer viermonatigen Reise durch den "Oberrheinischen Kreiß, die Pfalz, das Herzogth. Würtenberg und die Schweiz" nun durch Franken kam.

Am 4. November 1797, einem Samstag, näherte sich gegen Mittag dem Schlagbaum an der Straße zwischen Ellwangen und Dinkelsbühl ein Reisewagen, dessen schwarzledernes Verdeck geschlossen war. Bei dem Geräusch der Räder auf der Schotterstraße legten die Grenzwächter die Spielkarten weg und traten aus ihrem Zollhäuschen. Auf dem Bocke des Gefährtes saß ein derber, bärtiger Kutscher, der mit straffen Zügeln die beiden dampfenden Pferde lenkte, denn seit längerer Zeit war der Weg ziemlich angestiegen. Neben ihm hatte fröstelnd ein junger Mann die Regenplane hoch an die Brust gezogen. Die Zöllner schauten grüßend in die Kutsche und sahen darin zwei Herren, "in weiten Mänteln bis ans Kinn verhüllet". Sie wünschten die Pässe einsehen zu dürfen. Ein etwa 45jähriger Mann mit großen, braunen Augen reichte die Reisepapiere heraus. Daraus war zu entnehmen; der vornehme Reisende war der "Herzoglich Sachsen-Weimar-Eisenachische Geheime Rat, Herr Johann Wolfgang von Goethe, geboren am 28. August 1749 zu Frankfurt am Main, jetzt wohnhaft in Weimar, welcher von Frankfurt am Main und von da in die Schweiz, auch, dem Befinden nach, weiter zu reisen gesonnen ist."

Der andere Insasse war Professor Johann Heinrich Meyer, ein am 16. März 1760 geborener Schweizer, aus Stäfa im Kanton Zürich. Wie aus den Eintragungen im Paß zu ersehen war, kam er aus Italien zurück und reiste jetzt mit dem Geheimrat nach Weimar. Der Beisitzer auf dem Bocke war der Kammerdiener der Exzellenz, Johann Ludwig Geist, geboren am 14. April 1776 in Berka an der Ilm. Der Kutscher stammte aus Tübingen und war gemietet, die Herren nach Nürnberg zu bringen. Während die Grenzwächter umständlich die Reisepapiere überprüften, hatte Goethe Zeit, seinem Gefährten einige Xenien zuzuflüstern, die er erst jüngst mit Schiller verfaßt hatte.

"Halt, Passagiere! Wer seid ihr? Wes Standes und Charakteres?

Niemand passiert hier durch, bis er den Paß mir gezeigt. Koffers führen wir nicht. Wir führen nicht mehr, als zwei Taschen tragen, und die, wie bekannt, sind bei Peoten nicht schwer."

Die Unterhaltung wurde durch die Zöllner gestört, die sich für den Inhalt des Gepäcks interessierten, das in wasserdichten Planen über den Hinterrädern und auf dem Dache der Kutsche aufgeschnallt war und sogar zum Teil die Sitze bedeckte. "Es sind Zeichnungen, Bilder und Aufschreibungen, die Herr Professor Meyer in Italien angefertigt hat. Die große, schwere Kisten enthält Steine, welche ich in der Schweiz gesammelt habe. In den Koffern befindet sich das Notwendigste an Kleidern, Wäsche und Schuhen". Nach einem flüchtigen Blick gaben sich die Beamten mit dieser Versicherung des Geheimrats zufrieden, unterzeichneten die Papiere und reichten sie mit tiefer Verbeugung zurück. Ehe sie den Verschlag des Wagens schlossen, wünschten sie noch: Gute Reise! Sie hatten keine Ahnung, daß der Weimarer Staatsmann ein berühmter Dichter war.


Der weitere Verlauf der Geschichte beginnt mit der Einfahrt in Erlangen:

Nach der Dunkelheit auf der Landstraße erschien das wohlbeleuchtete Erlangen doppelt freundlich. Gleich auf dem ersten Platz lenkte der Fahrer nach links dem angesehenen "Gasthof Toussaint", dem "Walfisch" zu. Sobald für die Weiterfahrt ein neuer Kutscher angeworben war, nahm der Dichter wieder die alte Gewohnheit eines tälgichen Reise- und Erlebnisberichtes auf,

Mittwoche, am 15ten November 1797, Nachmittags vier Uhr aus Nürnberg.

Straße mitunter schlecht, durch Tannenwald, kamen acht Uhr in Erlangen an, Logie Toussaint. Die Stadt sehr regelmäßig gebaut, schöne breite Straßen, des Nachts gut erleuchtet, das Schloß steht auf einem freien Platz, um die Stadt mehrere schöne Gartenanlagen und Alleen."

Durch die gewerblichen Erzeugnisse der hier angesiedelten Hugenotten genoß die Stadt einen guten wirtschaftlichen Ruf. Die Markgrafen hatten die Refugies nach Kräften unterstützt und alle einengenden Zunftgesetze beseitigt. Gleich neben dem Gasthaus stieg der reichgegliederte Turm der Kirche auf, in der immer noch Gottesdienst in französischer Sprache gehalten wurde. Neuerdings hatte die Hugenottenkolonie Nachschub bekommen durch die politischen Flüchtlinge. War das Los der Königstreuen auch sehr zu bedauern, so fühlten sich die Einheimischen doch von dem oberflächlichen, frivolen Lebenswandel mancher adeliger Müßiggänger abgestoßen. Wie heftig sich solche Ablehnung äußern konnte, hatte Goethe in Kassel erfahren, wo ein Kellner behauptete, "er sei fest entschlossen, keinen Emigranten mehr aufzunehmen. Ihr Betragen sei höchst anmaßend, die Bezahlung knauserig; denn mitten in ihrem Elend betrügen sie sich noch immer, als hätten sie von einem eroberten Lande Besitz genommen".

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BeitragThema: Re: Goethe reist durch Franken (Ein Erlebnisbericht)   Mi Jan 07, 2009 7:00 pm

Bereits am frühen Morgen begann die Weiterfahrt. Trotz der noch herrschenden Dunkelheit konnten die Insassen bemerken, daß auch in der Altstadt Wohnhäuser der neuen Bauweise angeglichen waren. Leider erstreckte sich die Fortschrittlichkeit nicht auf das Straßenpflaster, über das man zu einer kleinen Brücke hinabholperte. Die Landstraße wurde von einer Hügelschwelle gegen das breite Flußtal hinausgedrängt. Im wachsenden Tageslichte war die "genaue Betrachtung der Gegend hinsichtlich auf Geognosie und der darauf begründeten Kultur" wieder möglich. An den gilbenden, nadelblätterigen Stengeln und roten Beeren waren die Spargelfelder zu erkennen. Nach einer Fahrstunde kamen sie in Baiersdorf an, wo die Schlagbäume zwischen dem ehemaligen Markgrafentum Ansbach-Bayreuth und dem Bistum Bamberg standen. Seit Dinkelsbühl hatte man sich in diesem jetzt preußischen Land bewegt und hatte es meist nur von dürftigen Sanden erfüllt gefunden. Dennoch betrieb die Bevölkerung mannigaltige Sonderkulturen. Bis vor Nürnberg galt ihre Pflege dem Kraut, Hopfen, Tabak und Krapp. Das Gartenland nördlich von Nürnberg war bekannt durch Anbau von Eibisch und Süßholz, von Gemüse, Spargel, Meerrettich oder Kren.

An der steinernen Brücke zwischen Burk und Forchheim bestand das letzte Joch nur aus Holz, damit es in bedrohlichen Zeiten rasch entfernt werden konnte. Die gewaltigen Bastionen, Erdwälle und Gräben um Forchheim bildeten ein unüberwindliches Bollwerk des Bistums Bamberg gegenüber dem Fürstentum Ansbach-Bayreuh. Dafür mußte sich die Stadt, trotz ihrer schönen Fachwerk- und modernen Steinhäuser, mit schlechten Straße begnügen. Draußen auf der ausgezeichneten Chaussee ging es nun im Trag munter vorwärts. Rechts erhob sich ein welliges Gelände, dessen ansteigende Felder mit Zwetschgen- und Kirschbäumen in langen Reihen bepflanzt waren. Hinter einem langgestreckten Hügelzug lag jenes "dolomitisch-fränkische Juragebirge", das Knebel erst jüngst in helle Begeisterung versetzt hatte.

Nach einer weiteren guten Fahrstunde durch einen dichten Föhrenwald erschien im Mittagslichte endlich die hocherhobene Altenburg. Ihr zu Füßen stiegen die vier grünen Tütrme des Domes und dahinter das spitze Turmpaar des Benediktinerklosters auf dem Michelsberg auf. Um sie scharte sich eine große Anzahl anderer Kirchen, so daß wohl zu verstehen war, weshalb Bamberg das "Fränkische Rom" hieß.

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BeitragThema: Re: Goethe reist durch Franken (Ein Erlebnisbericht)   Do Jan 08, 2009 7:50 pm

Es war Essenszeit und als die Kutsche das monumentale Prunktor bei Sankt Gangolf passiert hatte, lud das "Weiße Lamm" zur Rast ein.

Seine breite Front auf solidem Steinunterbau mit zwei Fachwerkgeschossen und gebrochenem Dache machte einen "recht honetten Eindruck".

Bis die Pferde abgefüttert waren, hatte die Reisenden Zeit, die Siebenhügelstadt zu durchschlendern und die oft gerühmte Aussicht zu genießen. In der Ebene unter ihren breiteten sich weithin Gärten und Obstanlagen aus. Gemüse und Früchte wurden auf Kähnen und Wägen nach Forchheim, Erlangen und Bayreuth, bis nach Hessen und Sachsen, sogar bis nach Wien geliefert. Begehrt waren vor allem die süßen Herzkirschen. Beim Umhergehen machte Goethe seine Begleiter auf die eigentümliche Tracht der Domstädterinnen aufmerksam. Die Bürgerfrauen trugen Mützchen, deren Ecken spitz über die Ohren herabliefen und hinten aufgeschlagen, den großen Haarknoten sehen ließen oder Häubchen, aus krausen Falten zusammengesetzt, die ihren Madonnengesichtern gut standen. An den langschoßigen Jacken waren weit herabhängende Ärmel beliebt. Das weiße Kalksteinpflaster, womit die Straße und auch die Domfreiung belegt waren, wurde von den Fuhrknechten verwünscht und verflucht. Das "Tuhm", wie die Einwohner ihren Kaiserdom nannten, hatte seine feierliche Raumwirkung durch eine erdrückende Fülle von barocken Altären, Grabmälern, Malereien und weißer Tünchung eingebüßt. Selbst der "Reiter" war weiß angestrichen, seine Krone und der Gürtel vergoldet.

Sicher war es das Verlangen, rasch nach Hause zu kommen, das Goethe bewog, noch gegen Abend von Bamberg weiterzufahren und vielleicht auch die Überlegung, in einem billigeren Landgasthaus zu übernachten. Obwohl sein Einkommen als Minister und Schriftsteller beachtlich war, bedeutete die viermonatige Reise eine spürbare Geldausgabe. Die aufwendige Lebenshaltung am Frauenplan, die meist getrennte Haushaltführung in Weimar und Jena, der beabsichtigte Kauf eines Landgutes, sowie die Finanzierung der Italienreise Meyers, verlangten sorgfältige Berechnungen. Außerdem war er fest entschlossen, sobald wie möglich die 1800 Taler Schulden bei seinem früheren Diener Philipp Seidel und bei Professor Dr. Hufeland zurückzuzahlen. Seinen langjährigen Dienern gegenüber zeigte sich der Hausherr nicht knauserig und drückte wohlwollend ein Auge zu, wenn sie ihm kleine persönliche Ausgaben in Rechnung stellten. Darüber, daß der heimlich verschämte Arme und junge Talente unterstützte, wünschte er nicht zu reden.

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BeitragThema: Re: Goethe reist durch Franken (Ein Erlebnisbericht)   Do Jan 08, 2009 7:57 pm



(Bamberg: Gasthof "Zum weißen Lamm" (jetzt Goethestuben), Königstraße)

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BeitragThema: Re: Goethe reist durch Franken (Ein Erlebnisbericht)   Do Jan 08, 2009 8:29 pm



(heute, vorne das an das Tor gebaute Rathaus, links der Dom, in der Mitte die fürstbischöfliche Residenz, ganz oben das Kloster Michelsberg)

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BeitragThema: Re: Goethe reist durch Franken (Ein Erlebnisbericht)   Fr Jan 09, 2009 2:03 am

So fuhr an diesem Spätnachmittag die Kutsche noch den Main aufwärts. Die große Ebene die durch den Zusammenfluß von Main, Regnitz, Baunach und Itz entstand, wurde am Rande des Juragebirges von zwei auffallenden Objekten beherrscht. Es waren die Burg Giech und die Wallfahrtskirche Gügel bei Scheßlitz, die allerdings aus der Ferne ebenfalls einer Burg gleichsah. Obwohl in dem langhingezogenen Hallstadt zahlreiche Wirtshäuser zum Bleiben aufmunterten, fuhr der Kutscher bis Breitengüßbach weiter.

Dort wurde in der Dämmerung vor dem Gasthof "Zur Sonne" angehalten. Das Haus machte von außen einen netten Eindruck. Die lange Front von Fenstern gegen die Straße verhieß freundliche Zimmer. Auf der Hofseite führte für das Dienstpersonal von einer Altane aus eine Treppe zu den Stallungen und Remisen hinab. Sobald das Notwendigste ausgepackt war, ließ Goethe in sein Reisejournal eintragen: "Donnerstag, den 16ten November 1797. Früh 6 Uhr aus Erlangen, die Wege von Erlangen nach Baiersdorf sind wegen des sandigen Bodens sehr schlecht, durch Baiersdorf und Burk. Forchheim mit einem Wall umgeben, die Straßen der Stadt sind schmutzig. Man kommt von hier aus auf Chaussee, das Feld wird fruchtbarer. Ton mischt sich unter den Sand. Zwetschgenbäume auf Saatfeldern, man kommt nach Sasselfort, gehört zu Anspach, Strulndorf, von den Franzosen verbrennt, jetzt wieder erbaut, durch Tannenwald nach Bamberg, im Lamm Mittag, die Stadt liegt hier sehr angenehm und heiter, gegen Mittag ist sie mit einem Wald eingeschlossen - gen Norden hat man eine der schönsten Plänen vor sich, auf welcher teils freundliche Dörfer, teils fruchtbare Felder abwechseln. Durch Hallstadt. Rechts sieht man auf etwas entfernten Bergen zwei Schlösser. Man kommt dem Mainufer nah, in Giesbach (Breitengüßbach) übernachtet."

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BeitragThema: Re: Goethe reist durch Franken (Ein Erlebnisbericht)   Fr Jan 09, 2009 1:16 pm

Schon um halb sechs Uhr wurde Breitengüßbach wieder verlassen. In Zapfendorf herrschte noch völlige Finsternis und erst in Unterleiterbach waren in einem Garten die Umrisse eines gefälligen Landschlößchens zu erkennen. Vor Staffelstein wurde eine jäh abfallende Bergstufe, deren weiße Stirne auf Kalk schließen ließ, sichtbar. Diese Vermutung bestätigte sich durch die zahlreichen Belemniten, die Goethe bei einem kurzen Aussteigen in der Ackerkrume auflesen konnte. Auf dem engen Marktplatz in Staffelstein hob sich unter den malerischen Fachwerkhäusern das hohe Rathaus stolz hervor. Wenn Goethe bei der Durchfahrt durch dieses Städtchen nicht an den Rechenmeister Adam Riese, der hier geboren wurde, dachte, war ihm das nicht zu verargen. Auf die Mathematik, in der er "sich keiner Kultur rühmen konnte", war er sowieso nicht gut zu sprechen. "Wer bekennt nicht, das die Mathematik der Physik von einer Seite sehr Vieles genützt? Aber die Farbenlehre besonders hat sehr viel gelitten und ihre Fortschritte sind äußerst gehindert worden, daß man sie mit der übrigen Optik, welche der Meßkunst nicht entbehren kann, vermengte. Leider ist das Mischen, Sudeln, und Manschen den Menschen angeboren."

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BeitragThema: Re: Goethe reist durch Franken (Ein Erlebnisbericht)   Sa Jan 10, 2009 12:39 pm

Doch die liebliche Landschaft, die sie durchfuhren, weckte in ihm versöhnlichere Empfindungen.

Links und rechts leuchteten doppeltürmige Barockfassaden: näher Vierzehnheiligen und entfernter, jenseits des Mains, das beherrschende Benediktinerkloser Banz. Es blieb bewundernswert, mit welchem Feingefühl die geistlichen Bauherren die markantesten Punkte für ihre Klöster und Wallfahrtskirchen auswählten. Gegen Mittag war Lichtenfels erreicht, und mit Rücksicht auf die Pferde mußte eine Ruhezeit eingelegt werden.

In dem freundlichen Städtchen war nach Meinung des Kutschers der halbe Weg zwischen Güßbach und Kronach, den er auf sieben bis acht Meilen schätzte, zurückgelegt. Gestern hatte man ebenfalls acht Meilen geschafft. Das ebenere Gelände und die zügiger gehenden Pferde des neuen Lohnkutschers erlaubten ein rasches Fortkommen. Der "Tübinger Schwager" hatte zwischen Ellwangen und Nürnberg täglich nur sechs Meilen bewältigt. Überschlugen die Reisenden den ganzen Weg durch Franken, von Dinkelsbühl bis Kronach, so brauchten sie für die rund dreißig Meilen fünf Tage. Freilich saß man an den Hauptreisetagen zehn Stunden in der Chaise, streckenweise jämmerlich gebeutelt und mehr als einmal dem Steckbleiben oder Umfallen nahe.

Hinter Lichtenfels zwängten die Juraberge die Straße näher an den Main. Dichter Novembernebel stieg urplötzlich aus der Flußniederung auf und tropfte wie Regen vom Baum und Strauch. An den Altwassern standen zwischen struppigen Kopfweiden und unter hohen Pappeln Weiher- und Fischerhäuschen. Das ganze Land ringsum, der große Gutshof und das Schlößchen in Trieb gehörten zum Zisterzienserkloster in Langheim. Dessen kunstverständige Äbte hatten nicht nur das prunkvolle Vierzehenheiligen, sondern auch profane Versorgungsburgen erbauen lassen. Eine solche war Naßanger. Das fremd anmutende, kreisförmige Gebäude mit ovalen Fenstern und zwei Türmen an der Innenseite mußte jedem Vorüberkommenden auffallen.

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BeitragThema: Re: Goethe reist durch Franken (Ein Erlebnisbericht)   So Jan 11, 2009 10:43 pm

In Hochstadt führte der Weg wieder an einem älteren, aber gutproportionierten Amtshaus der Zisterzienser vorbei. Goethe verwies Meyer darauf, wie sehr die Erwerbspolitik der Klöster seine Meinung bestätigte, daß "Grund und Boden allein die sicherste Basis für die schwankende Existenz des Menschengeschlechtes bilden". Kurz darauf passierte man auf einer mehrbogigen Brücke den Main und das Dorf Zettlitz, wobei die sich hebenden Nebel einen Blick auf das Geschachtel der steilen Fachwerkhäuser von Markt-Zeuln, das sich links am Ufer der Rodach auftürmte, gestatteten. Mit jeder Radumdrehung verlor sich mehr und mehr die Weite des Tales, und Wald kroch über die Hänge herab. Vor den Wehren der zahlreichen Sägemühlen stauten sich die Rundhölzer, welche die Frankenwaldflößer auf der Rodach herabgetriftet hatten. Die Häuser entbehrten von nun an des zierlichen Fachwerks, ihre Westwände waren mit grauen Schieferplatten verkleidet. Verwundert betrachtete Goethe den in Steinbrüchen aufgeschlossenen roten Sandstein, nachdem er hier mindestens Schiefer, wenn nicht gar Granit vermutet hätte.

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BeitragThema: Re: Goethe reist durch Franken (Ein Erlebnisbericht)   Mo Jan 12, 2009 7:26 pm


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BeitragThema: Re: Goethe reist durch Franken (Ein Erlebnisbericht)   Di Jan 13, 2009 1:09 am

Die Straße stieg schnell an, und die aufmunternden Rufe des Kutschers an die Pferde störten das Gespräch. Es wurde bereits dämmrig, als endlich über dem hochgebauten Städtchen Kronach die Feste Rosenberg sichtbar wurde. Wie Forchheim das geistliche Territorium Bamberg gegen den Süden hin absicherte, so war Kronach der nördliche Riegel. In der Oberen Stadt war es das "Lamm", wo alle besseren Herrschaften Quartier nahmen.

In gewohnter Weise wurde das Bemerkenswerte dieses Reisetages festgehalten: "Freitag, 17. November. Früh von hier 5 1/2 weg: durch Zapfendorf und Staffelstein, vor Reichen vorbei, man findet Belemiten. Durch Lichtenfels, schöne Saat. Nebel, der Main kommt auf der linken Seite herunter. Man steigt bergauf, Fichtenwald bergab, Fischteiche, Kloster, rund gebaut, links Seilen. Hohstadt, über den Main, schöne steinerne Brücke, der Main kommt bei Seilen mit der Rodach zusammen. Durch Zedlitz, gutes Feld, bei Unterlangstadt kommt die Rodach herunter, man fährt durch guten fruchtbaren Boden durch Oberlangenstadt, angenehmes Tal, Schneidemühlen, an der rechten Seite der Rodach hinauf nach Kronach, Festung."

Der Schreiber wußte seinen eigenen Bericht etwas pikanter abzuschließen: "Freitag, den 17ten brachen wir früh 5 Uhr von Gießbach auf, kamen über Zapfendorf, Staffelstein und Lichtenfels, beide letzterwähnten Orte sind mit einem Wall umgeben. Die Gegend ist sehr fruchtbar. Man nähert sich dem Main und fährt eine ganze Strecke an seinem rechten Ufer hin, entfernt sich aber bald wieder davon und kommt durch Zedlitz über den Main nach Kronach. Dieses ist ein kleines Landstädtchen, hat aber eine nach ehemaliger Zeit gute Festung, man sagt, daß sie noch eine Jumpfer sei, dieses will nämlich so viel heißen, daß sie noch nie von einem Feind eingenommen worden." Der kleinen Frankenwaldstadt hätte Goethe vielleicht größere Aufmerksamkeit geschenkt, wenn er sein vielseitiges Interesse auch auf die Ahnenforschung ausgedehnt hätte. Durch die Mutter war er nämlich verbunden mit der Malerfamilie des Lukas Cranach, dessen Geburtshaus in Kronach gezeigt wurde.

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BeitragThema: Re: Goethe reist durch Franken (Ein Erlebnisbericht)   Di Jan 13, 2009 2:10 pm



Kronach: Veste Rosenberg, links Amtsgerichtsstraße mit Gasthof "Weißes Lamm"

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BeitragThema: Re: Goethe reist durch Franken (Ein Erlebnisbericht)   Di Jan 13, 2009 6:53 pm

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BeitragThema: Re: Goethe reist durch Franken (Ein Erlebnisbericht)   Di Jan 13, 2009 9:41 pm

Sonnabend, den 18ten November 1797, Früh von Kronach weg.

So lautet der letzte Eintrag im Reisetagebuch des Dichters. In aller Herrgottsfrühe fuhr mit dröhnendem Hufschlag und rasselnden Wagenrädern die Kutsche durch den Torbogen hinab zur Brücke, in deren Nähe ein Wehr gewaltig rauschte. Von jetzt ab schlängelte sich die Straße entlang der Haslach, einem Nebenfluß der Rodach, hinauf gegen den Frankenwald, um bald das fränkische Land zu verlassen und ins Meiningische abzubiegen.

Sobald es die Helligkeit erlaubte, unterhielten sich Goethe und Meyer wieder über die Eigentümlichkeit der vorübergleitenden Landschaft. Die Ortschaften bestanden nun aus niederen Holzhäuschen, deren Bohlenwerk bis zum Sockel herab von blauschwarzen Schieferplatten verdeckt war. Mit bewundernswerter Lust am Schmücken malten die Bewohner um Fenster und Türen, an Simse und Ecken in weißer Farbe hübsche Ornamente und umrahmten kernige Haussprüche mit Blumengewinden. Das rauhe Klima und der karge Boden ließen offenbar nur wenig Feldfrüchte gedeihen. Die Schieferbrüche gaben den Männern kärglichen Verdienst, und was die gefahrvolle Arbeit der Holzfällerei und Flößerei einbrachte, reichte kaum hin, das nackte Leben zu fristen. Wie in den ärmeren Teilen des Ansbacher Landes, vernahmen die Vorüberfahrenden auch hier wieder aus den Hütten das Schlagen der Webstühle.

Die Lebensbedingungen im Frankenwald glichen denen im Thüringer Wald. Dort hatte Goethe als Minister versucht, den Untertanen seines Herzogs einträglichere Erwerbsquellen zu erschließen. "Wir sind auf die hohen Gipfel gestiegen und in die Tiefen der Erde eingekrochen. Könnten wir nur auch bald den armen Maulwürfen von hier Beschäftigung und Brot geben", war sein ehrliches Anliegen, denn "das arme Volk muß immer den Sack tragen und es ist ziemlich einerlei, ob er ihm auf der rechten oder linken Seite zu schwer wird". Vor einem Jahr waren durch den Stollenbruch in Ilmenau die letzten Hoffnungen, die er in den Bergbau gesetzt hatte, zunichte gemacht worden.

Der bedrückende Ernst der waldreichen Gegend nahm zu, als es gar noch zu schneien begann. Langsam und trübselig rutschte an den Scheiben der Chaise der wässerige Schnee herab. Das beschwerliche Steigen auf Bergkämme und das bremsengehemmte Fallen in die Täler, die tristen Dörfer, deren Hütten sich endlos an der Straße aneinanderreihten, erfüllten die Heimkehrenden mit quälender Ungeduld. Nach mehr als sechstündiger Fahrt wurde wieder eine längere Rast eingelegt. Beim Mittagsmahl kamen sich die Weimarer schon halb wie zu Hause vor, denn in der Sprache der Leute vernahmen sie bereits den singenden Tonfall des Thüringischen. Der nahe Rennstieg bildete zwar die Grenze zwischen den Flußgebieten des Rheins und der Elbe, aber diese Wasserscheide hatten die Thüringer schon in frühgeschichlicher Zeit überschritten.

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BeitragThema: Re: Goethe reist durch Franken (Ein Erlebnisbericht)   Mi Jan 14, 2009 9:23 pm

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BeitragThema: Re: Goethe reist durch Franken (Ein Erlebnisbericht)   Do Jan 15, 2009 11:24 am

Auf der Höhe des Gebirgskammes durften die Pferde ein wenig verschnaufen. Hier war der Rennstieg erreicht, jene uralte Höhenstraße, die vom Fichtelgebirge her über den Frankenwald dem Thüringerwald zulief. Auf ihm wanderten die Gedanken des Dichters weiter zum Kickelhahn, wo er einst an die Bretterwand des Jagdhäuschens die Strophe: "Über allen Gipfeln ist Ruh" geschrieben hatte. Ein Bote bracht ihm seinerzeit den Abschiedsbrief der vornehmen, bildhübschen Marchesa Maria Antonia von Branceoni herauf. Da oben in der Einsamkeit der endlosen Wälder, über die der volle Mond empostieg, genoß er wehmütig den "Nachklang schöner Gegenwart".

Von der alten Landmarke des Rennstieges aus senkte sich die Straße in vielen Kehren rasch talwärts. Alle Gewässer eilten nun hin zur Saale. Man brauchte nur ihrem Lauf zu folgen, um über Gräfenthal, Saalfeld, Rudolstadt und Uhlstadt nach Jena und etwas abbiegend nach Weimar zu kommen.

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BeitragThema: Re: Goethe reist durch Franken (Ein Erlebnisbericht)   Do Jan 15, 2009 9:33 pm

Auch der Schreiber Geist erwartete sehnsüchtig das Ende dieser Fahrt. So schön es war, an heiteren Tagen von der Höhe des Fuhrwerks aus die Gegend zu überschauen, so beschwerlich war um diese Jahreszeit das Sitzen in der engen Kutsche. Geist wußte wohl die Auszeichnung zu schätzen, vier Monate lang die Exzellenz auf ihrer Reise begleiten zu dürfen. Wer hätte ihm sonst Gelegenheit gegeben, auf den Sankt Gotthard zu gelangen und an der Unterhaltung bedeutender Männer teilnehmen zu dürfen? Freilich wäre diese Fahrt noch herrlicher gewesen, wenn sie, wie geplant, nach Italien geführt hätte.

Seine Tätigkeit als Kammerdiener war nicht allzu anstrengend. Was er in Frankfurt eingepackt hatte, mußte er unterwegs in Ordnung halten, reinigen und zum Waschen geben. Es waren das:

8 Tag- und 4 Nachthemden, 4 Unterhosen, 12 Paar Strümpfe, dazu noch 2 Paar schwarze und 3 Paar Strümpfe, dazu noch 2 Paar schwarze und 3 Paar graue Strümpfe und die dazugehörigen Strumpfbänder; 10 Taschentücher, 6 Handtücher, 3 Servietten; 3 Nachtmützen, 2 leinerne und eine wollene Nachtweste; ein Frack, ein Sommersurtout (Überrock), 4 weiße Westen, 8 Halstücher, ein Paar schwarzseidene Beinkleider, eine große Bundhose, eine feste Manchesterhose und eine graue Zeughose; ein Paar Bänder- und Schnallschuhe, 2 Paar Stiefel und warme Pantoffeln; dazu das nötige Putzzeug, silberne Schuhschnallen, Rasier- und Frisierzeug, Pudermantel und Puderschürze und eine wollene Decke; außerdem Schreibmaterial und für den Notfall Schokolade und etwas Dauergebäck. Dank seiner Aufmerksamkeit und Umsicht verlief die lange Fahrt ohne größeren Verdruß. Außer der Uhr, die bei der Übernachtung in Tuttlingen liegengeblieben war, hatte es kaum Ärger gegeben. Für das andere peinliche Mißgeschick, das dem Dichter in Stuttgart widerfahren war, wo er "im Bauche des Römischen Kaisers eines der schlimmsten Wanzenabenteuer zu überstehen" hatte, trug Geist keine Verantwortung und auch sein Herr setzte sich mit Galgenhumor darüber hinweg.

In seinem Hauptgeschäft, der Nieder- und Reinschrift von Diktaten und Manuskripten, kam dem Sekretär nicht so leicht einer zuvor. Mit Befriedigung war seine Feder den Worten Goethes in einem Brief an Meyer gefolgt: "Warten Sie alsdann, bis wir wieder zusammenkommen, da Sie die Bequemlichkeit des Diktierens haben werden, indem ich den Schreiber des Gegenwärtigen mitbringe, wodurch das Mechanische der Arbeit, welches für eine nicht ganz gesunde Person drückend ist, sehr erleichtert, je gewissermaßen weggehoben wird." Doch war es ein gutes Zeichen seines bescheidenen Charakters, wenn er am Ende seines "Tagebuch einer Reise durch den Oberrheinischen Kreiß, die Pfalz, das Herzogth. Würtenberg, die Schweiz und Franken vom 30ten Julius bis den 21ten Nov. 1797" zugabe.: "Mein Zweck war auf keinen Fall eine vollständige Reisebeschreibung zu liefern, denn zu so einer Arbeit wird wohl etwas mehr Talent erfordert als das meinige ist."

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BeitragThema: Re: Goethe reist durch Franken (Ein Erlebnisbericht)   Fr Jan 16, 2009 12:21 pm

So in Gedanken versponnen, kamen die drei Reisenden eine Zeitlang über die verdrießliche Langweiligkeit des Fahrens hinweg und waren erfreut, als sie endlich abends ausgefroren in Gräfenthal eine gute Unterkunft vorfanden. Goethe verzichtete auf die Fortführung seines Reisetagebuches, aber Geist hielt bis zuletzt tapfer durch. Sein Herr war fast nur noch mit den Verhältnissen beschäftigt, die ihn in Weimar erwarteten. Das Theater mußte durch neue Kräfte allen anderen deutschen Bühnen ein Vorbild werden. Das Programm für die neue Kunstzeitschrift "Propyläen" war schon vorbereitet, und er war entschlossen, mit Meyer "den Weg recht still, aber auch recht eigensinnig zu verfolgen". Aber das alles durfte ihn nicht davon abhalten, auch die Faustdichtung, seine Farbenlehre sowie andere wissenschaftliche Forschungen voranzutreiben.

Dem befreundeten Ministerkollegen Christian Gottlob von Voigt hatte er von der Schweiz aus verheißungsvoll mitgeteilt: "Daß wir auf unserer Reise brav Steine geklopft haben, können Sie leicht denken, und ich hab deren fast mehr, als billig ist, aufgepackt. Unter mehreren bekannten Dingen bringe ich auch einige und vorzüglich schöne Sachen mit. Ich wünsche, schon läge alles ausgepackt vor Ihnen und genösse Ihre Unterhaltung wieder. Doch die Zeit wird auch kommen und wir wollen ihr ruhig entgegen gehn".

Die Zeit war gekommen, und Goethe konnte über den Wert seiner Reise nachsinnen und kam wieder zu demselben Ergebnis, das er in dem Briefe an Schiller aus Stäfa angedeutet hatte: "Ich kann sagen, daß ich bisher mit meiner Reise alle Ursachen habe, zufrieden zu sein. Die Reise gleicht einem Spiel, man empfängt mehr oder weniger als man hofft, man kann ungestraft eine Weile hinschlendern, und dann ist man wieder genötigt, sich einen Augenblick zusammenzunehmen. Für Naturen, wie dei meine, die sich gerne festsetzene und die Dinge festhalten, ist eine Reise unschätzbar; sie belebt, berichtet, belehrt und bildet."

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BeitragThema: Re: Goethe reist durch Franken (Ein Erlebnisbericht)   Fr Jan 16, 2009 1:35 pm

Goethe kommt nach Franken 1797:


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BeitragThema: Re: Goethe reist durch Franken (Ein Erlebnisbericht)   Sa Jan 17, 2009 4:05 pm



(Dinkelsbühl: Einstige Reichsposthalterei "Zu den drei Mohren", Segringerstraße)

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BeitragThema: Re: Goethe reist durch Franken (Ein Erlebnisbericht)   Mo März 08, 2010 5:58 pm

Die damaligen Reisen mit der Postkutsche

Neue Fahrzeuge und neue Dienste: Nach dem Siebenjährigen Krieg wurde das Postfuhrwesen bei den deutschen Postverwaltungen neu geordnet. Früher wurden die Postwagen auf jeder Station gewechselt, was zu erheblichen Unzuträglichkeiten führte, denn die Sendungen wurden umgeladen, und die Reisenden mußten mit ihrem Gepäck umsteigen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden nach und nach durchlaufende Wagen eingerichtet, die eine längere Strecke fahren konnten. Auch beim Wagenbau nahm man einige Verbesserungen vor. Die meist in Ketten oder Riemen hängenden Wagenkasten wurden aus besserem Material gefertigt und außerdem genügend breite Sitzbände mit Rücken- und Seitenlehnen eingebaut.

Schwierigkeiten machte die Unterbringung der Geldfässer und Geldpakete, da ein verschließbarer Laderaum in den Postwagen noch nicht vorhanden war. Den Postillionen war deshalb vorgeschrieben, die Geldfässer und Geldpakete mit einem Futtersack zu bedecken und dadurch jeden Anreiz zu Beraubungen möglichst zu vermeiden.

Die Fahrt mit dem Postwagen war kein reines Vergnügen. So schrieb der Göttinger Schriftsteller Goerg Christoph Lichtenberg (1742-1799) über die sächsischen Postwagen:

"Sie strichen die Postwagen rot an, als die Farbe der Schmerzen und der Marter und bedecken sie mit Wachslinnen. Nicht, wie man glaubt, um die Reisenden gegen die Sonne und den Regen zu schützen, denn die Reisenden haben ihren Feind unter sich, das sind die Wege und Postwagen. Es geschieht aus derselben Ursache warum man denen, die gehängt werden sollen, über das Gesicht eine Mütze zieht. Die Umstehenden sollen die gräßlichen Gesichter nicht sehen."

Und Gustav Freytag, Schriftsteller aus Kreuzberg/Oberschlesien, schrieb in seinem Aufsatz über das Reisen in Deutschland um 1790:

"Die Wagen der ordinairen Post waren auf den Hauptstraßen zwar bedeckt, aber ohne Federn, mehr für Lasten als Personen berechnet, sie hatten keine Seitentüren, man mußte unter der Decke oder über die Deichsel hineinkriechen. Im Hintergrunde des Wagens wurden die Pakete bis an die Decke mit Stricken befestigt. Pakete lagen auch unter den Sitzbänken, Heringstönnchen, geräucherter Lachs und Wild kollerten unermüdlich auf die Bänke der Passagiere, welche eine fortdauernde Beschäftigung darin fanden, sie zurückzudrängen, da man die Füße wegen des Gepäcks nicht ausstrecken konnte, hingen verzweifelte Passagiere wohl gar die Beine zur Seite des Wagens heraus."

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BeitragThema: Re: Goethe reist durch Franken (Ein Erlebnisbericht)   Mi Apr 14, 2010 6:05 pm


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Zuletzt von Cophila am Do Apr 22, 2010 9:20 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Goethe reist durch Franken (Ein Erlebnisbericht)   Do Apr 22, 2010 9:19 pm




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BeitragThema: Re: Goethe reist durch Franken (Ein Erlebnisbericht)   Sa Apr 24, 2010 2:11 pm

FAUST (Der Tragödie erster Teil).

Prolog im Himmel

DER HERR; DIE HIMMLISCHEN HEERSCHAREN. Nachher MEPHISTOPHELES. DIE DREI ERZENGEL treten vor.


RAPHAEL; Die Sonne tönt nach alter Weise,
in Brudersphären Wettgesang,
und ihre vorgeschriebne Reise,
vollendet sie mit Donnergang.
Ihr Anblick gibt den Engeln Stärke,
Wenn keiner sie ergründen mag;
Die unbegreiflich hohen Werke,
sind herrlich wie am ersten Tag.

GABRIEL; Und schnell und unbegreiflich schnelle,
dreht sich umher der Erde Pracht;
Es wechselt Paradieseshelle,
mit tiefer, schauervoller Nacht;
Es schäumt das Meer in breiten Flüssen,
am tiefen Grund der Felsen auf,
und Fels und Meer wird fortgerissen,
in ewig schnellem Spährenlauf.

MICHAEL; Und Stürme brausen um die Wette,
vom Meer aufs Land, vom Land aufs Meer,
und bilden wütend eine Kette,
der tiefsten Wirkung rings umher.
Da flammt ein blizendes Verheeren,
dem Pfade vor des Donnerschlags,
doch deine Boten, Herr, verehren,
das sanfte Wandeln deines Tags.

ZU DREI; Der Anblick gibt den Engeln Stärke,
da keiner dich ergründen mag.
Und alle deine hohen Werke,
sind herrlich wie am ersten Tag.

MEPHISTOPHELES; Da du, o Herr, dich einmal wieder nahst,
und fragst, wie alles sich bei uns befinde,
und du mich sonst gewöhnlich gerne sahst,
so siehst du mich auch unter dem Gesinde.
Verzeih, ich kann nicht hohe Worte machen,
und wenn mich auchder ganze Kreis verhöhnt,
mein Pathos brächte dich gewiß zum Lachen,
hättst du dir nicht das Lachen abgewöhnt.
Von Sonn' und Welten weiß ich nichts zu sagen,
ich sehe nur, wie sich die Menschen plagen.
Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag,
und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.
Ein wenig besser würd er leben,
hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;
Er nennt's Vernunft und braucht's allein,
nur tierischer als jedes Tier zu sein.
Er scheint mir, mit Verlaub von Euer Gnaden,
wie eine der langbeinigen Zikaden,
die immer fliegt und fliegend springt,
und gleich im Gras ihr altes Liedchen singt,
und läg er nur noch immer in dem Grase!
In jeden Quark begräbt er seine Nase.

Auszug, Rest folgt.

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BeitragThema: Re: Goethe reist durch Franken (Ein Erlebnisbericht)   Sa Apr 24, 2010 4:58 pm

. . . DER HERR

Hast du mir weiter nichts zu sagen?
Kommst du nur immer anzuklagen?
Ist auf der Erde ewig dir nichts recht?

MEPHISTOPHELES

Nein, Herr! ich find es dort, wie immer, herzlich schlecht.
Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen,
Ich mag sogar die armen selbst nicht plagen.


DER HERR

Kennst du den Faust?


MEPHISTOPHELES

Den Doktor?


DER HERR

Meinen Knecht!


MEPHISTOPHELES

Fürwahr! er dient Euch auf besondre Weise.
Nicht irdisch ist des Toren Trank noch Speise.
Ihn treibt die Gärung in die Ferne,
Er ist sich seiner Tollheit halb bewußt;
Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne,
Und von der Erde jede höchste Lust,
Und alle Näh und alle Ferne,
Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.


DER HERR

Wenn er mir jetzt auch nur verworren dient,
So werd ich ihn bald in die Klarheit führen.
Weiß doch der Gärtner, wenn das Bäumchen grünt,
Daß Blüt und Frucht die künft'gen Jahre zieren.


MEPHISTOPHELES

Was wettet Ihr? den sollt Ihr noch verlieren,
Wenn Ihr mir die Erlaubnis gebt,
Ihn meine Straße sacht zu führen!


DER HERR

So lang er auf der Erde lebt,
So lange sei dir's nicht verboten.
Es irrt der Mensch, so lang er strebt.


MEPHISTOPHELES

Da dank ich Euch; denn mit den Toten
Hab ich mich niemals gern befangen.
Am meisten lieb ich mir die vollen, frischen Wangen.
Für einen Leichnam bin ich nicht zu Haus;
Mir geht es wie der Katze mit der Maus.


DER HERR

Nun gut, es sei dir überlassen!
Zieh diesen Geist von seinem Urquell ab,
Und führ ihn, kannst du ihn erfassen,
Auf deinem Wege mit herab,
Und steh beschämt, wenn du bekennen mußt:
Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange
Ist sich des rechten Weges wohl bewußt.


MEPHISTOPHELES

Schon gut! nur dauert es nicht lange.
Mit ist für meine Wette gar nicht bange.
Wenn ich zu meinem Zweck gelange,
Erlaubt Ihr mir Triumph aus voller Brust.
Staub soll er fressen, und mit Lust,
Wie meine Muhme, die berühmte Schlange.


DER HERR

Du darfst auch da nur frei erscheinen;
Ich habe deinesgleichen nie gehaßt.
Von allen Geistern, die verneinen,
Ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.
Des Menschen Tätigkeit kann allzuleicht erschlaffen,
Er liebt sich bald die unbedingte Ruh;
Drum geb ich gern ihm den Gesellen zu,
Der reizt und wirkt, und muß, als Teufel, schaffen.
Doch ihr, die echten Göttersöhne,
Erfreut euch der lebendig reichen Schöne!
Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,
Umfass' euch mit der Liebe holden Schranken,
Und was in schwankender Erscheinung schwebt,
Befestigt mit dauernden Gedanken.
(Der Himmel schließt, die Erzengel verteilen sich.)


MEPHISTOPHELES

(allein) Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern,
Und hüte mich, mit ihm zu brechen.
Er ist gar hübsch von einem großen Herrn,
So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.

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